Nach Thüringen: Exzess-Bewältigung

Während in alarmistischer Manier nun Hauch und Tragik der Weimarer Republik beschworen, während geschichtswissenschaftich unhaltbare Analogien mit dem Faschismus der 1930er Jahre bemüht und inflationierte Nazivergleiche in den öffentlichden Raum geschleudert werden; während sich Politiker, Kolumnisten, Leitartikler, Blogger und Socialmedia-Zwitscherer in einen Überbietungswettbewerb an Katastrophismus und Apokalyptik begeben und in Hysterie und Hyperventilation die Krankheit zum Tode herbeigeraunt wird, bleiben die eigentlich relevanten Fragen wie immer unbeachtet, unbelichtet und unbeantwortet: Wie und wodurch genau gewinnt man den Wähler für die Kontinuität der liberalen Demokratie? Wie holt man die Verlorenen, Wütenden und  Enttäuschten zurück? Was bieten die Verteidiger der liberalen Demokratie jenen Mitbürgern an, die sich von ihren Verächtern verführen lassen?

Die Blitzumfragen- und Eilmeldungs-Demokratie hat es mit einer völlig gestörten Affektkontrolle zu tun. Wenn es unter der Hochspannung eines ehrabschneidenden Gossenjargons nur noch um Reiz, Reaktion und Radikalität geht, wenn wir einander nur noch in Freund und Feind unterscheiden, wenn es auf allen Seiten nur noch Gesinnungsmoral und Kampfgetöse gibt, tritt genau das ein, was rechte Vordenker seit Jahren beabsichtigen. Deutschland lässt sich auf eine Weise schlecht reden, dass es antiliberale Kräfte leicht haben, positive Identitäts-Erzählungen und Erlöser-Hoffnungen anzubieten.

Der Verfall der Vernunft ist so dramatisch wie der Zustand politischer Rationalität bemitleidenswert.

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